Sichelfußbehandlung

Dr. Norbert L. Becker:

Dynamisches Zuggurtungsprinzip bei der Sichelfußbehandlung

PROBLEMSTELLUNG:

Allen Sichelfußformen gemeinsam ist die Vorfußadduktion. Die Nachteile einer Behandlung mittels Gips und/oder Schiene und Schuh liegen darin, daß der Taluskopf nicht erfaßt, der Vorfuß in sich zusammengedrückt und der Fuß passiv umgelenkt wird. Außerdem besteht hierbei die Gefahr, aus der Problemzone der Fußwurzel einen Knick-Plattfuß entstehen zu lassen.

BEHANDLUNGSSTRATEGIE

Ziel des Dynamischen Zuggurtungsprinzipes ist es, positive Elemente der funktionellen Therapie in die Sichelfußbehandlung einzubeziehen. Nur die pathologische Stellung der Mittelfuß- und Fußwurzelknochen soll korrigiert und der Vorfuß entfächert werden. Physiologische Fußstellungen sollen freibleiben. Das Prinzip soll leicht anwendbar und reproduzierbar sein.

Sichelfußbehandlung

 

METHODE

Das Dynamische Zuggurtungsprinzip beinhaltet zwei Zuggurtungen.
Die erste Zuggurtung stabilisiert den Rückfuß sowie die Fußwurzel und hält den Taluskopf; sie bildet eine stabile Basis für die folgende zweite Zuggurtung, mit der über ein Hypomochleon der Vorfuß entfächert und die Sichelfußstellung korrigiert wird.

Das Prinzip kann sowohl bei Säuglingen wie auch bei lauffähigen Kleinkindern angewendet werden. Bei diesen führt der propriorezeptive Reiz am Unterschenkel beim Stehen und Gehen zusätzlich zu einer aktiven Fußwurzelaufrichtung.

 

Abbildung 1

Abbildung 1
Abb. 1:
Die erste Zuggurtung erfaßt die Fußwurzel:
Die Medialisierung des Taluskopfes wird aufgefangen durch einen Zügel, der die Fußwurzel von lateral unter der Fußsohle erfaßt, medial den Taluskopf abfängt, anhebt und diesen auf die Gelenkfläche des Naviculare zieht. Diese Zuggurtung verläuft weiterhin spiralisch hoch zur Mitte der Unterschenkelaußenseite.

 

Abbildung 2

Abbildung 2 Abbildung 2 Abbildung 2
Abb. 2
Die zweite Zuggurtung, die eigentliche Reposition und Entfächerung des Vorfußes, besteht aus einem eingekerbten Zügelsystem, welches den Vorfuß in Höhe des Metatarsalköpfchens V-I sowohl von plantar wie von dorsal umfaßt. Über ein Hypomochleon aus einem Filz oder festem Schaumstoff, welches hinter der Basis des Metatarsale V angelegt wird, erfolgt durch Spannen der Zügel das Auffächern und die Redression des fehlgestellten Vorfußes. Dieser Zügel wird weiter unter Zug über die Ferse bis an den vorderen Rand des Innenknöchels geführt. Der vorher in leichter Supinationsstellung überkorrigierte Calcaneus wird dadurch in eine Neutralstellung gezogen.

 

ERGEBNISSE

Zwischen 1992 und Januar 1998 waren in der Orthopädischen Praxisgemeinschaft Dr. Becker/ Dr. Lingg 1432 Säuglinge und Kleinkinder bis zum 18. Lebensmonat mit orthopädischen Fragestellungen vorstellig. 162 mal wurden die Diagnosen “Sichelfuß” oder “Sichelfußhaltung” gestellt. Davon wurden 32 Kinder mit 58 Füssen mit der Dynamischen Zuggurtung therapiert. Für die Erfolgskontrolle wurden die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt:
1. Gruppe: Säuglinge bis zum 7. Lebensmonat (Anzahl: 24),
2. Gruppe: Säuglinge und Kleinkinder vom 8. bis zum 18. Lebensmonat; alle Kinder dieser Gruppe konnten stehen bzw. laufen (Anzahl: 8).
Kein Kind war vorbehandelt.

Abbildung 3Druckverteilung und Abrollverhalten ohne Zuggurtung Abbildung 3Druckverteilung und Abrollverhalten mit Zuggurtung

 

  Gruppe 1 Gruppe 2
Behandlungsbeginn
im Alter von
1,8 Monate 14,3 Monate
Behandlungsdauer 2,0 Monate 3,5 Monate
Behandlungsergebnis
sehr gut
gut
befriedigend
unbefriedigend

21 = 87,5 %
3 = 12,5 %
0
0

0
4 = 50 %
2 = 25 %
2 = 25 %
Vor BehandlungVor Behandlung Nach BehandlungNach Behandlung

 

DISKUSSION

Das dynamische Zuggurtungsprinzip in der Sichelfußbehandlung ist ein hervorragendes Therapiekonzept für den behandlungsbedürftigen Säuglings- und Kleinkinder-Sichelfuß. Je früher man mit dieser einfachen aber effektvollen und nicht belastenden Therapie beginnt, um so besser werden die Ergebnisse.

 

RESÜMEE

Die Ergebnisse der Sichelfußbehandlung mit dem Dynamischen Zuggurtungsprinzip belegen, daß funktionelle Überlegungen bei der Behandlung von angeborenen orthopädischen Störungen viel früher einsetzen sollten, um einige orthopädische Erkrankungen, inbesonderem des Säuglings und des Kleinkindes einfach, effektvoll und biomechanisch sinnvoll zu behandeln.

 

ZUSAMMENFASSUNG

Das dynamische Zuggurtungssystem für die Therape des Säuglings- und Kleinkinder-Sichelfuß wird durch einen Klebeverband realisiert, welcher die Fußwurzel erfaßt, den Taluskopf reponiert, die Knickfußkomponente verhindert und den Vorfuß auffächert.
Dieser Verband läßt die Zehen beweglich und macht das ganze Fußgefüge trainierbar und gymnastisch reizbar.
Gegenüber Gips- und Schienenbehandlungen erleichtert er die Pflege der kleinen Patienten erheblich.
Bei den Säuglingen (bis 7. Lebensmonat) wurden mit der Dynamischen Zuggurtung 85% sehr gute und 12,5% gute Ergebnisse erreicht.
Bei den älteren Kleinkindern (bis zum 17. Lebensmonat) konnten noch 75% gute und befriedigende Ergebnisse erzielt werden.